Trockenheitsplattform Schweiz – Frühzeitig informieren, vorausschauend handeln
Mit dem Klimawandel nimmt das Risiko von Trockenheit in der Schweiz deutlich zu. Während für andere Naturgefahren wie Hochwasser oder Unwetter etablierte Warnsysteme bestehen, fehlte bislang ein vergleichbares, nationales Informations- und Frühwarnsystem für Trockenheit. Informationen waren fragmentiert, auf verschiedene Plattformen verteilt und für viele Akteure nur mit hohem Aufwand nutzbar. Eine gemeinsame, evidenzbasierte Grundlage für Entscheidungen existierte nicht.
Vor diesem Hintergrund entwickelte ein ämterübergreifendes Team aus den Bundesfachstellen für Umwelt (BAFU), für Meteorologie und Klima (MeteoSchweiz) sowie für Landestopographie (swisstopo) die operationelle Trockenheitsplattform Schweiz (www.trockenheit.ch). Ziel des Projekts ist der Aufbau einer zentralen, wissenschaftlich fundierten Informations- und Frühwarnplattform, die Daten, Prognosen und Warnungen zu Trockenheit bündelt und verständlich aufbereitet. Die Plattform richtet sich an Behörden aller Ebenen, Fachstellen aus Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wasserversorgung, Energie, Schifffahrt und Ökologie sowie an die breite Öffentlichkeit.
Die Trockenheitsplattform integriert unterschiedliche trockenheitsrelevante Datenquellen – von meteorologischen und hydrologischen Messungen über Bodenfeuchtedaten bis hin zu Satellitendaten und Prognosemodellen – und bereitet diese schweizweit einheitlich auf. Nutzer:innen erhalten erstmals eine standardisierte Übersicht zur aktuellen Trockenheitssituation, ergänzt durch Vorhersagen für die kommenden Wochen sowie Informationen zu vergangenen Ereignissen. Damit wird aus bislang verstreuten und schwer zugänglichen Informationen ein handlungsorientiertes Instrument, das es Kantonen und Gemeinden ermöglicht, Massnahmen frühzeitig zu planen und Schäden zu minimieren.
Ein zentrales Element des Projekts war der konsequente Einbezug der Nutzer:innen nach dem Prinzip des user-centered design. Von Beginn an wurden Kantone, Gemeinden und weitere Fachstellen systematisch eingebunden, um ihre Anforderungen an Inhalte, Verständlichkeit, räumliche und zeitliche Auflösung sowie die Interpretierbarkeit der Daten zu erfassen. Durch Arbeitsplatzbeobachtungen und den direkten Austausch mit den Zielgruppen wurden reale Nutzungskontexte analysiert und in die Produktgestaltung integriert. Die entwickelten Produkte – etwa Karten, Indikatoren und Prognosen – wurden gemeinsam getestet und iterativ weiterentwickelt. So entstand eine Plattform, die wissenschaftlich fundiert ist und sich zugleich nahtlos in bestehende Entscheidungs- und Arbeitsprozesse einfügt. Ein gestufter Informationsaufbau ermöglicht es zudem, je nach Bedarf vertiefende Informationen abzurufen und erhöht so die Anwendungsnähe und Akzeptanz.
Die Umsetzung erfolgte in enger Zusammenarbeit zwischen BAFU, MeteoSchweiz und swisstopo auf Grundlage eines Bundesratsauftrags. Zentrale Schwerpunkte lagen in der Vereinheitlichung heterogener Datenquellen, dem Aufbau einer robusten IT-Infrastruktur sowie der Entwicklung praxisnaher Produkte wie eines kombinierten Trockenheitsindex. Die Trockenheitsplattform wurde im Frühjahr 2025 in Betrieb genommen.
DAS WICHTIGSTE IN KÜRZE
Initiierende Stelle:
Bundesamt für Umwelt (BAFU), Bundesamt für Meteorologie
und Klimatologie (Meteoschweiz)
und Bundesamt für Landestopographie (swisstopo)
Umgesetzt für:
Schweizweit für Behörden aller Ebenen,
Fachstellen und die breite Öffentlichkeit
Ebene:
Bund
Team:
Fabia Hüsler, Vincent Humphrey – Gesamtprojektleitung
Simone Bircher – Projektleitung Bodenfeuchtemessnetz
Adel Imamovic – Projektleitung Langfristprognosen
David Oesch, Joan Sturm – Projektleitung Satellitendaten
Hélène Salvi, Sébastien Bruchez, Christophe Hug – Projektleitung technische Umsetzung Plattform
Luca Benelli, Johannes Rempfer – Projektleitung Hydrologie
Yannick Barton – Projektleitung Wald und Vegetation
Jana von Freyberg – Projektleitung Hydrogeologie
Projektpartner:
Zeix – User Experience Agentur
Zeilenwerk – Softwareagentur
Puzzle ITC – Softwareagentur
Beteiligte Disziplinen:
Bundesamt für Umwelt, MeteoSchweiz, swisstopo: Fachliche Konzeption, Daten, Betrieb
Externe Partner: User Experience Design, Softwareentwicklung, technische Umsetzung
Dauer:
Konzeption ab Frühjahr 2023
Technische Integration 2024
Inbetriebnahme Frühjahr 2025
Nachgefragt beim Projektteam
Welche Hürden gab es und wie sind Sie damit umgegangen?
Eine zentrale Herausforderung war die Zusammenführung heterogener Datenquellen – von Satellitenbildern über Bodenmessungen bis hin zu meteorologischen und hydrologischen Modellen – in ein konsistentes, nutzerfreundliches und barrierefreies System. Ebenso anspruchsvoll war die Übersetzung komplexer Sachverhalte in verständliche, praxistaugliche Produkte. Hinzu kamen die Anpassung und Weiterentwicklung von Vorhersagemodellen, der Aufbau einer vollständigen Warnkette für Trockenheit, die technische Umsetzung sowie die Koordination mehrerer Bundesstellen. Der enge Zeitrahmen von nur zwei Jahren verstärkte die Anforderungen zusätzlich. Gemeistert wurden diese Aufgaben durch ämterübergreifende Arbeitsgruppen, eine enge Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen und die Begleitung durch ein Sounding Board. Wesentlich zum Erfolg beigetragen haben zudem die vorhandenen wissenschaftlichen Vorarbeiten.
Was macht Ihr Projekt besonders mutig?
Das Projekt ist mutig, weil es eine bisher fehlende, komplett neue nationale Infrastruktur geschaffen hat, die ein wenig wahrgenommenes Risiko adressiert. Trockenheit ist ein schleichender Prozess, für den es keine einheitliche Definition gibt und dessen kritische Schwellenwerte je nach Sektor und Saison variieren. Eine besondere Herausforderung bestand darin, Langfristprognosen mit erheblichen Unsicherheiten so aufzubereiten, dass sie nützliche Informationen liefern und gleichzeitig die Unsicherheit transparent machen. Der Aufbau eines neuen Frühwarnsystems in kurzer Zeit erforderte politisches Commitment, personelle Ressourcen, Investitionen in Mess- und Vorhersagesysteme sowie innovative technische Lösungen. Vor allem aber war die Bereitschaft nötig, über Verwaltungsgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten.
Worauf sind Sie im Projektverlauf besonders stolz?
Das Projektteam ist stolz auf die erfolgreiche Umsetzung eines sehr komplexen Vorhabens in kurzer Zeit und die pünktliche Inbetriebnahme im Frühjahr 2025. Besonders wertvoll ist, dass aus Forschungsprojekten und heterogenen Datensätzen ein operationelles und barrierefreies System entstanden ist, das von breiten Zielgruppen in Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft genutzt werden kann. Auch die enge, effiziente und konstruktive Zusammenarbeit mit den externen Partnern hat entscheidend zum Gelingen des Projekts beigetragen. Die Schweiz ist damit das erste Land in Europa, das auf Basis von Langfristprognosen eine offizielle Trockenheitswarnung erstellt.
Wie teilen Sie Ihre Erfahrungen mit anderen Verwaltungen?
Die Erfahrungen werden laufend über interkantonale Fachgruppen, etwa das Netzwerk Klima Schweiz, sowie über Fachkonferenzen weitergegeben. Zusätzlich veröffentlicht der Bund regelmässig Publikationen, Blogs, Social-Media-Beiträge und Fachartikel zur Plattform und ihren Erkenntnissen. Die auf der Plattform publizierten Daten sind öffentlich, gut dokumentiert, frei und maschinenlesbar zugänglich und können so von breiten Zielgruppen weiterverwendet werden.
Was braucht es, damit das Projekt langfristig wirkt und tragfähig bleibt?
Entscheidend ist, dass der Betrieb der Trockenheitsplattform finanziell, personell und technisch dauerhaft gesichert ist. Dazu gehören die Pflege des Messnetzes, die Weiterentwicklung der Modelle, die Integration neuer Datenquellen und wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie ein zuverlässiger technischer Betrieb und operationelle Warnabläufe. Mit der Inbetriebnahme beginnt eine mehrjährige Phase der Weiterentwicklung, in der bestehende Produkte verbessert und neue integriert werden. Zentral sind zudem die institutionelle Verankerung, die Bekanntmachung der Plattform und kontinuierliche Feedbackmechanismen mit den Nutzer:innen.
Was würden Sie anderen Behörden raten, die einen ähnlichen Prozess angehen möchten?
Wichtig ist, frühzeitig relevante Akteure einzubinden und bestehende Datenquellen oder Forschungsprojekte konsequent zu nutzen, statt alles neu zu entwickeln. Eine klare Governance-Struktur erleichtert die Koordination und schafft Commitment und Vertrauen zwischen den beteiligten Institutionen. Ebenso zentral ist es, Produkte von Beginn an an den Bedürfnissen der Nutzer:innen auszurichten, etwa durch iterative Tests und Feedbackschlaufen nach dem Prinzip des „user-centered design“. Zudem sollten von Anfang an genügend Ressourcen für Betrieb und Kommunikation eingeplant werden, um die Nachhaltigkeit des Projekts sicherzustellen.